Überblick Lerntheorien

1.)      Lernen und Entwicklung – Begriffe

Ein Lernziel kann nur erreicht werden, wenn durch einen Prozess hindurchgegangen wird – durch diesen verändert sich das Erleben und Verhalten eines Individuums in seinem Umfeld. Der Lernprozess ist nicht immer als direkt beobachtbarer Vorgang ersichtlich, vor allem im Bereich des Zentralen Nervensystems stellt die Erforschung der Abläufe eine Problematik dar. Es stellt sich die Frage, wie das Gehirn auf Erfahrungen zurückgreift und wie die (relativ dauerhafte) Veränderung und/oder Erweiterung/Unterdrückung der Verhaltensmöglichkeiten realisiert wird (vgl. Krüger/Helsper 2002: 97).Graphik Lerntheorien 1

Wie das Lernen geschieht die Entwicklung auf einer inneren Ebene – zusammen mit dem Lernen grenzen sich die beiden Begriffe von der Sozialisation ab, die von der Aussensicht, der Gesellschaft an das Individuum herangeht. Gemeinsam stellen sie die drei zentralen Punkte der Veränderung dar, welche innerhalb der Fragestellungen der pädagogischen Psychologie behandelt werden. Die Entwicklung teilt sich auf in einen Nature/Nurture – Anteil, wobei der Nurture-Anteil (Umwelt) auf das Lernen und die Sozialisation rückwirkt.

Darin besteht der gemeinsame Anteil von Lernen und Entwicklung: dieser ist der nicht-genetische. Bei den Lerntheorien geht es um  in Erfahrung Gebrachtes und die darauf folgende Verhaltensänderung, wohingegen der Entwicklung ein genetischer Aspekt innewohnt und als qualitativer Prozess verstanden werden kann. Es besteht zwar in den verschiedenen Ansätzen Konsens darüber, dass Lernen und Entwicklung in Zusammenhang stehen – gewissermassen äussert sich die Gemeinsamkeit im Verhalten und in bestimmten zugrunde liegenden Mechanismen – wie diese konstituiert sind und korrelieren, ist eine Frage der Komplexität und wie diese vereinfacht und strukturiert wird, ist nach Ansatz variabel.

2.)      Lerntheorien im Überblick

Die Lerntheorien teilen sich vereinfacht in Verhaltensänderung (Behaviorismus) und Wissenserwerb (Modelllernen, Kognitivismus und Konstruktivismus) auf. Der Wissenserwerb basiert auf zusammengefasst vier verschiedenen Lernkategorien. Dies sind die Kodierung (Umwandlung einer Information), Wiederholung (Automatisation), Elaboration (Verarbeitung erfolgt gründlich) und Organisation (Informationen werden geordnet und gegliedert). Daneben spielen unter anderem situative Faktoren wie die Lernumgebung, Affekte oder Motivationen eine wesentliche Rolle.

2.1) Operantes Konditionieren

Reiz-Reaktionsmuster (stimulus-response) bestimmen das Verhalten, welches alleinig Gegenstand der Untersuchung ist, da die im Gehirn stattfindenden Vorgänge nicht beobachtbar sind. Darin begründet liegt ein Paradoxon, da neurobiologische Prozesse der Verhaltensänderung zugrunde liegen, die Wiederholung (1) und Verstärkung (2) heissen – mit diesen argumentiert jedoch die Lerntheorie des Konditionierens.

Das operante Konditionieren: ein Verhalten wird positiv verstärkt (2a), sprich ein Reiz geboten, um einen angenehmen Zustand aufrechtzuerhalten oder herbeizuführen. Der negative Verstärker (2b) bedeutet, dass ein Reiz entfernt wird, um einen unangenehmen Zustand zu vermeiden.

Die Verhaltensänderung soll durch Belohnung oder Bestrafung  herbeigeführt werden. In der neueren Forschung wird die autonome Selbstregulation betont; eine Person sollte ein bestimmtes Verhalten nicht nur zeigen, wenn sie kontrolliert wird – sie sollte lernen, ihr Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen. Hier handelt es sich um einen kognitiven Prozess, der in der operanten Konditionierung nicht thematisiert wird und der durch zeitabhängige Entwicklung der jeweiligen Person gar nicht vorausgesetzt werden kann.

2.2) Kognitivismus

Forschungsgegenstand des Kognitivismus ist die Verarbeitung von kognitiven Prozessen im Gehirn, die von einem Stimulus verursacht werden und zu einem bestimmten Output, einer Reaktion führen. Aktiv beteiligt sich der Mensch an der Umwelt, er wird als wahrnehmendes, denkendes und problemlösendes Wesen betrachtet. Die sogenannte Umwelt wird als wahre Realität angenommen, zu welcher das Individuum direkt in Beziehung steht.

In diesen Zusammenhang kann teilweise auch das Konzept Instructional Design gestellt werden, welches Lernumgebungen und Lerneffizienz in Beziehung bringt – diese Verknüpfung kann nur stattfinden, wenn vorausgesetzt wird, dass bestimmte Formen existieren, die das Lernen steigern können und allgemeiner Natur sind – ein bestimmter Weg kann zum Ziel führen.

2.3) Modelllernen (Bandura)

Innerhalb des Modelllernens imitiert eine Person ein Verhalten eines Modells – ein Verhaltenswissen entsteht durch Beobachtung und Nachahmung. Dabei durchläuft die Person vier Prozesse (Aufmerksamkeitsprozess, Behaltensprozess, Reproduktionsprozess und Verstärkungs- Motivationsprozess). Als  reflektierendes Wesen steuert sich der Mensch bis zu einem gewissen Grade selbst, er besitzt Motivationen sich ein Verhalten anzueignen oder zu unterlassen.

Albert Bandura, der Begründer des Modelllernens, hat also Denk- und Wahrnehmungsprozesse in seine Theorie integriert, was eine Hinwendung zum Kognitivismus bedeutet: Man lernt nicht nur durch Konsequenzen und unbewusstes Nachahmen (Behaviorismus), sondern auch durch gezieltes bewusstes Nachahmen, das reflektiert wird. Da aber beide Prozesse in dieser Theorie enthalten sind – Verhaltensänderung und Informationsverarbeitung, kann sie nicht per se einer Richtung zugeordnet werden.

2.4) Konstruktivismus

Der Konstruktivismus als interdisziplinäre Richtung geht in bestimmten Punkten mit dem Kognitivismus einher: insbesondere die Informationsverarbeitung und die aktive Rolle des Lernenden stehen bei beiden Ansätzen im Vordergrund. Der Konstruktivismus jedoch konzentriert sich insbesondere auf das Moment des Individuellen: Die unterschiedlichen Personen verfügen nicht über eine gemeinsame, objektiv zu erklärende Realität, sondern konstruieren ihre eigene Wirklichkeit; sie interpretieren die Welt auf ihre persönliche Art und Weise.

3.) Effektives Lernen und Lernumgebungen

Merriënboer und Paas gehen davon aus, dass es verschiedene Wege gibt, wie etwas erlernt wird (individuelle Komponente à vgl. Konstruktivismus). Gleichzeitig legen sie Wert auf die Berücksichtigung der kognitiven Möglichkeiten, die begrenzt sind (die Entwicklung spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle). Ihres Erachtens sollen verschiedene Perspektiven in Bezug auf das Lernen betrachtet werden, um ein adäquateres Bild der Wirklichkeit zu erhalten – Lerntheorien (Konditionieren, Modelllernen, Kognitivismus und Konstruktivismus) werden nach bestimmten Aspekten kombiniert, um einen möglichst effektiven Lernprozess zu schaffen.

3.1) Arbeit

In diesem Bereich geht es um die graduelle Aneignung von Anwendungsmöglichkeiten, wobei das Ziel eine ganzheitliche Performanz darstellt. Der/die Lernende baut dazu das Wissen auf den bereits vorhandenen mentalen und sozialen Fähigkeiten auf – eine sozial-konstruktivistische Perspektive wird eingenommen. Die Lernkategorien sind die Lernaufgaben, die die Unterscheidung zwischen sich wiederholenden und sich nicht wiederholenden Aufgaben darstellen. Die kognitiven Strategien der Erklärung sollen aufgebaut werden – es geht um die Organisation von Informationen durch kognitive Prozesse. Die Problematik dieses Bereichs findet sich in der Frage, wie mit Komplexität umgegangen wird. Die lernende Person entwickelt ihre kognitiven Strukturen vom Konkreten zum Abstrakten (Induktionsvorgang) – wie dieser Vorgang abläuft, bleibt schwierig zu beschreiben. Beispiel: Das Erlernen von Sprache (vgl. Tomasello 2000: 246f.).

3.2) Wissen

Das Wissen wird als analytische Welt bezeichnet – Konzepte, Regeln und Strategien werden in Einzelelemente zerlegt. 3358076Es werden viele Wege aufgezeigt und nach dem besten Weg gesucht, die Ziele in sinnvollster Weise zu erreichen. Möglicherweise wird hier der Königsweg des Lernens gesucht, was eine Verbindung zum Kognitivismus bedeuten würde. Es kommt jedoch zur Sprache, dass verschiedene Strategien von Instructional Design kombiniert werden müssen, um die Lerneffizienz zu erhöhen.

Lernkategorien sind hier Informationen, die in verschiedener Form weitergegeben werden:

a)    Unterstützende Information, um die Elaboration zu fördern – das Kind soll Fragen stellen, Erklärungen geben, vergleichen, neuordnen, nichtwiederkehrende Elemente sollen gelernt und dargestellt werden à deklaratives Wissen

b)    Prozedurale Information (1) und die Praxis von wiederkehrenden Elementen (2), um die Automatisation zu fördern – auf der tiefsten Ebene braucht es eine Vereinfachung des Sachverhalts und Schritt-für-Schritt Erklärungen. Die Person soll lernen, die Welt zu kodieren, in Informationen zu verwandeln, die verständlich sind (1) (vgl. Modelllernen) und durch die Wiederholung soll das Verfestigen der wiederkehrenden Elemente (2) (vgl. Konditionieren) gefördert werden à prozedurales Wissen

3.3) Lernen

Die dritte Dimension kümmert sich um die Beschreibung und Analyse von Lernprozessen, aber hauptsächlich darum, wie Unterstützung geboten werden kann. Verschiedene Ansätze und Aspekte werden miteinander verbunden, um eine möglichst optimale Lernumgebung zu schaffen. Die Gemeinsamkeit der zusammengeführten Dimensionen besteht darin, dass Lernen nur durch bedeutungsvolles Handeln einer Person entsteht. Der Kontext des komplexen Lernens muss Verschiedenes berücksichtigen: Koordination der verschiedenen Fähigkeiten, Integration von verschiedenen kognitiven Prozessen und Haltungen – Konstruktionen von Schemata sind sich nicht wiederholenden Prozessen zuzuschreiben und die Automatisationen von Schemata gehören zu den wiederkehrenden Aspekten.

In einem nächsten Schritt werden diese Welten (Arbeit, Wissen und Lernen) auf die menschliche Kognition übertragen. Die Entwicklung wird hier mit dem Lernen zusammengeführt. Die kognitiven Kapazitäten sollen zwar gefördert werden, aber ein Kind darf nicht überfordert werden. Zuerst soll die Lehrperson eine stark unterstützende Rolle einnehmen und die führende Rolle abbauen, damit das Kind an Autonomie gewinnen kann.

4.)  Das Lernen bei Kindern (nach Siegler: 2005)

Aktive und passive Mechanismen (Rollenwechsel (ca. 1970) Kind von passiv zu aktiv (vgl. Piaget – Entwicklungspsychologie)) stehen in Interaktion zueinander, Bewusstes und Unbewusstes wird einbezogen, aber auch qualitative und quantitative Aspekte der Veränderung berücksichtigt. 3275071Anhand der Wellentheorie Sieglers werden verschiedene Strategien dargestellt, welche in einem bestimmten Alter von Kindern verwendet werden. Kinder wählen für sie passende Strukturen und Strategien aus, auf dem Wissen basierend, über welches sie bereits verfügen. Die Entwicklung erfolgt über Verlagerungen von bestimmten Konzepten und Strategien – diese werden mithilfe von fünf Dimensionen erklärt:

1)      Variabilität: Jedes Individuum wendet seine eigenen Strategien und Konzepte an und bewertet die vorliegenden Dimensionen unterschiedlich.

2)  Lernschritte: Die Schritte verlaufen nicht kontinuierlich, sie beinhalten auch Rückschritte und sind altersabhängig – die Entwicklung korreliert mit den Lernschritten.

3)      Lerntempo: Es werden zwei Bereiche der Zeit angeschaut: die Zeit vor der ersten Anwendung (1) und die Zeit des Lernprozesses bis zur Maximalstufe (2) – eine Person braucht mehrere Versuche, bis sie eine Strategie/Regel versteht und verinnerlicht hat.

4)      Breite des Wissens: Kinder müssen nicht nur die Generalisierung einer Problemlösung lernen, sondern auch, auf welchen Bereich diese eben nicht angewendet werden kann. Ist das Gelernte auf viele Probleme anwendbar, ist dementsprechend die Breite des Wissens grösser.

5)    Ursprünge des Lernens: Lernen geschieht auch ohne Instruktionen durch eine Person, beispielsweise durch Selbsterklärungen. Wird aber das Kind informiert und unterstützt, sollte die Anleitung dahin führen, dass das Kind lernt, sich selbst zu erklären und zu reflektieren. Diese Autonomie kann beispielsweise dadurch gefördert werden, dass der/die

Lernende gefragt wird, warum die richtige Antwort  richtig, beziehungsweise die falsche Antwort falsch ist  – Experimente (vgl. Siegler 2005: 775) haben gezeigt, dass die Kinder in diesem Fall mehr lernen – Anleitung zur Selbstreflexion.

KRITIK

  •  Metakognitive Fähigkeiten sollten thematisiert werden (Wie wirken z.B. Elemente wie ‚das Wissen über das Wissen‘ auf die Lernprozesse?).
  • Es ist schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um zu erkennen, wann welche Unterstützung für die lernende Person sinnvoll ist – es sind nicht rationale Effekte, die bei Entscheidungen dieser Art mit einfliessen.
  • Komplexität – die Vereinfachung durch Strukturen reduziert das Lernen auf bestimmte Bereiche. Komplexität wird zwar thematisiert, aber das Problem an sich kann dadurch nicht aufgelöst werden.
  • Wie erfolgt der Aufbau von konkreten zu abstrakten Strukturen (kognitive Prozesse)?
  • Das Vergessen spielt eine wesentliche Rolle – wie kann scheinbar verlorenes Wissen wieder abgerufen werden?

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Hobmair, H. (Hrsg.) (1997): Psychologie. Troistorf: Stam.

Siegler, R. S. (2005). Children’s Learning. American Psychologist, 60(8): 769-778.

Tomasello, M. (2000): „Do young children have adult syntactic competence?“ Cognition 74: 209-253.

Van Merriënboer, J. J. G., & Paas, F. (2003). Powerful learning and the many faces of instructional design: Toward a framework for the design of powerful learning environments. In E. De Corte, L. Verschaffel, N. Entwistle & J. Van Merriënboer (Hrsg.), Powerful learning environments: Unravelling basic components and dimensions: 3-20.

http://www.edit.uni-essen.de/lp/

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